Kaktus oder Sukkulente: Der 60-Sekunden-Areolen-Test
All ArticlesJeder Kaktus ist eine Sukkulente und gehört zur Familie Cactaceae, aber nicht jede Sukkulente ist ein Kaktus. Der Unterschied liegt in einer einzigen Struktur: der Areole, einem filzig behaarten Wachstumspunkt, der nur bei Kaktusstämmen vorkommt und bei keiner anderen Pflanzenfamilie der Erde zu finden ist. Der 60-Sekunden-Test braucht nur einen Blick auf ein beliebiges Dornenbüschel. Sobald feststeht, dass eine Pflanze ein Kaktus ist, lohnt sich ein Blick darauf, wie sich die Familie in die verschiedenen Kaktustypen gliedert.

Der taxonomische Unterschied
Der Ausdruck „Kaktus oder Sukkulente“ ist im Grunde ein Kategorienfehler, ähnlich der Frage nach dem Unterschied zwischen einem Golden Retriever und einem Hund. In der botanischen Taxonomie ist „Sukkulente“ keine Familienbezeichnung. Es handelt sich lediglich um eine ökologische Beschreibung für jede Pflanze, die sich darauf eingestellt hat, Wasser in ihren fleischigen Stämmen, Blättern oder Wurzeln zu speichern, um längere Trockenperioden zu überstehen.
Sukkulente Pflanzen haben sich unabhängig voneinander in mehr als vierzig verschiedenen Pflanzenfamilien entwickelt. Die Familie Cactaceae (die Kakteen) ist nur eine dieser Familien und gehört zur Ordnung Caryophyllales. Der aktuelle anerkannte botanische Konsens beziffert die Kakteenfamilie auf etwa 1,750 bis 1,870 einzelne Arten. Über alle Pflanzenfamilien hinweg gibt es schätzungsweise 10,000 bis 12,500 sukkulente Arten insgesamt. Weil fast alle Kakteen Stammsukkulenten sind (und die verbliebene blättrige Linie von Pereskia/Leuenbergeria weiterhin sukkulente Blätter besitzt), gilt die Regel: Alle Kakteen sind Sukkulenten.
Was ist eine Areole?

Wenn alle Kakteen Sukkulenten sind, wie unterscheidet man dann einen Kaktus von einer Sukkulente aus einer anderen Familie? Man achtet auf eine Areole. Die Areole ist ein stark modifiziertes, gestauchtes Verzweigungssystem, das wie ein vegetatives und reproduktives Meristem funktioniert. Jeder echte Kaktus besitzt sie, und keine andere Pflanzenfamilie der Welt weist sie auf.
Mit bloßem Auge betrachtet sieht eine Areole aus wie ein kleines, deutlich abgegrenztes, kissenartiges Polster auf der Stammoberfläche der Pflanze. Sie sind meist rund oder oval und messen je nach Art zwischen einem Millimeter und über zehn Millimetern im Durchmesser. Häufig sind sie von Trichomen bedeckt, die als weiße, beige oder graue Wolle oder Filz erscheinen. Man findet sie entlang der Rippen eines säulenförmigen Kaktus, auf den erhabenen Höckern einer Mammillaria oder auf den flachen Flächen eines Feigenkaktus-Pads.
Die Areole ist der zentrale Knotenpunkt eines Kaktus. Alles, was die Pflanze hervorbringt, entsteht an dieser Stelle. Hat ein Kaktus Dornen, wachsen sie büschelweise aus der Areole. Bildet er Verzweigungen, beginnt das neue seitliche Wachstum an der Areole. Am wichtigsten für die Bestimmung: Hundert Prozent aller Kaktusblüten entspringen einer Areole.
Der 60-Sekunden-Bestimmungstest
Mit einem einfachen visuellen Entscheidungsbaum kannst du in unter einer Minute zweifelsfrei bestimmen, ob es sich um einen Kaktus handelt.
Schritt 1: Nach Areolen suchen. Untersuche die Stammoberfläche. Achte auf die kleinen, runden, kissenartigen Flecken. Hat die Pflanze Dornen, verfolge sie bis zu ihrem Ursprung zurück. Treten sie büschelweise aus einem deutlich abgegrenzten, wolligen Polster hervor? Wenn ja, handelt es sich um einen Kaktus. Treten sie einzeln oder paarweise direkt aus der harten, grünen Haut der Pflanze hervor, ist es kein Kaktus.
Schritt 2: Den Blütenursprung prüfen. Blüht die Pflanze gerade, verfolge die Basis der Blüte zurück. Eine echte Kaktusblüte bricht immer aus einer Areole hervor. Entspringt die Blüte zwischen einem Dornenpaar an der äußersten Stammspitze oder wächst sie aus einer Blattachsel, handelt es sich nicht um einen Kaktus.
Schritt 3: Der Milchsaft-Kratztest. Bist du dir immer noch unsicher, steche mit einer Nadel eine winzige Kerbe in die Haut der Pflanze. Tritt sofort ein dicker, milchig-weißer Saft aus der Wunde aus, handelt es sich vermutlich um eine Euphorbia. Sei vorsichtig, denn der Milchsaft von Euphorbia ist giftig und reizt Haut und Augen stark. Beachte, dass auch einige Mammillaria-Arten milchigen Saft absondern, weshalb du zur Bestätigung immer erneut den Areolentest durchführen solltest.
Wie unterscheidet man einen Kaktus von einer Euphorbia?

Die häufigste Verwechslung passiert zwischen der Familie Cactaceae und der Familie Euphorbiaceae. Es gibt über siebenhundert Arten sukkulenter Euphorbien, die vor allem in Afrika und auf Madagaskar heimisch sind. Viele von ihnen sehen exakt aus wie klassische, gerippte, dornige Wüstenkakteen.
Dies ist ein Lehrbuchbeispiel für konvergente Evolution. Die beiden Pflanzenlinien trennten sich vor über hundert Millionen Jahren, lange bevor bei einer von beiden Sukkulenz entstand. Da jedoch beide in ariden Lebensräumen demselben Selektionsdruck ausgesetzt waren, entwickelten sie unabhängig voneinander nahezu identische Wuchsformen. Eine südafrikanische Euphorbia horrida sieht einem nordamerikanischen Ferocactus-Kugelkaktus verblüffend ähnlich.
Der Areolentest unterscheidet sie sofort. Euphorbien haben keine Areolen. Ihre „Dornen“ sind meist modifizierte Nebenblätter, die paarweise beiderseits eines Wachstumspunkts entstehen, ganz ohne wolliges Polster. Bei Verletzung sondern sie zudem den verräterischen, milchig-weißen Milchsaft ab, der ihre Identität bestätigt.
Was, wenn der Kaktus keine Dornen hat?
Fehlende Dornen bedeuten nicht, dass auch Areolen fehlen. Mehrere hoch entwickelte Kaktuslinien haben Dornen vollständig aufgegeben und setzen stattdessen auf Tarnung oder chemische Abwehr, um zu überleben. Die bekanntesten Beispiele sind die nordamerikanische Gattung Lophophora und die kalksteinähnliche Ariocarpus.
Selbst bei diesen dornenlosen Pflanzen bleibt der Areolentest zuverlässig. Bei Lophophora williamsii erscheinen die Areolen als auffällige Büschel aus weißem Flaum entlang der Rippen. Bei Ariocarpus sitzen die Areolen oft ganz an den Spitzen der abgeflachten Höcker oder verstecken sich nahe dem wolligen Scheitel der Pflanze, aus dem ihre großen, prächtigen Blüten dennoch hervorbrechen.
Ausnahmen und Grenzfälle
Die Botanik steckt voller Grenzfälle, die Anfängererwartungen auf den Kopf stellen. Wer sich auf die allgemeine Form einer Pflanze verlässt, statt den Areolentest anzuwenden, wird von diesen drei echten Kakteen getäuscht.
Pereskia und Leuenbergeria (blättrige Kakteen): Die rund siebzehn Arten dieser beiden Gattungen besitzen holzige Stämme, Rinde und breite, flache, dauerhafte Blätter. Sie sehen aus wie tropische Sträucher oder wilde Rosenbüsche. Untersucht man jedoch ihre holzigen Stämme, findet man deutliche Areolen, aus denen büschelweise Dornen und Blüten hervorgehen. Es handelt sich um echte Kakteen, wobei Leuenbergeria die älteste, ursprünglichste Linie der Familie darstellt.
Rhipsalis (Mistelkakteen): Diese epiphytischen Kakteen wachsen hängend an Baumästen in feuchten tropischen Wäldern. Ihre Stämme sind dünn, fadenartig oder bandförmig, und sichtbare Dornen fehlen. Sie besitzen winzige, reduzierte Areolen entlang der Stammränder, aus denen kleine weiße Blüten hervorgehen. Bemerkenswert: Rhipsalis baccifera ist die einzige Kaktusart der Erde, die außerhalb Amerikas heimisch ist und wild in Afrika und auf Sri Lanka vorkommt.
Schlumbergera (Weihnachtskakteen): Die in Supermärkten verkauften Feiertagskakteen zeigen flache, gegliederte grüne Segmente mit gezähnten Rändern und ohne Dornen. Die Areolen sitzen an den Spitzen und Rändern dieser Segmente und bilden den Ausgangspunkt für ihre berühmten, leuchtend gefärbten, röhrenförmigen Blüten.
Häufig gestellte Fragen
Ist ein Kaktus eine Sukkulente?
Ja, jeder Kaktus ist eine Sukkulente. Kakteen gehören zur Familie Cactaceae, die nur eine von über vierzig Pflanzenfamilien ist, die sukkulentes Gewebe zur Wasserspeicherung in ariden Lebensräumen entwickelt haben.
Wie unterscheidet man einen Kaktus von einer Sukkulente?
Man achtet auf eine Areole, ein kleines, kissenartiges Polster, aus dem Dornen und Blüten wachsen. Hat die Pflanze Areolen, ist sie ein Kaktus. Fehlen Areolen, handelt es sich um eine Sukkulente aus einer anderen Pflanzenfamilie.
Was ist eine Areole bei einem Kaktus?
Eine Areole ist ein stark modifizierter Verzweigungsknoten, der ausschließlich bei der Kaktusfamilie vorkommt. Sie sieht aus wie eine kleine, flaumige oder wollige Erhebung auf der Haut der Pflanze und dient als einziger Ursprungspunkt für alle Dornen, neuen Triebe und Blüten.
Können Sukkulenten Dornen haben?
Ja, viele Sukkulenten außerhalb der Kakteenfamilie haben Dornen oder scharfe Zähne. Euphorbien bilden entlang ihrer Rippen häufig paarweise Dornen, während Agaven und Aloen scharfe Randzähne an ihren fleischigen Blättern tragen.
Haben alle Kakteen Areolen?
Ja, alle Kakteen haben Areolen, auch die Arten, die keine Dornen ausbilden. Bei dornenlosen Kakteen erscheinen die Areolen als deutliche Büschel aus Wolle oder Filz auf der Pflanzenoberfläche.
Anderson, E.F., The Cactus Family (Timber Press, 2001) · Gibson, A.C. and Nobel, P.S., The Cactus Primer (Harvard University Press, 1986) · Eggli, U. (ed.), Illustrated Handbook of Succulent Plants: Cactaceae (Springer-Verlag, 2001) · Angiosperm Phylogeny Group IV, Botanical Journal of the Linnean Society (2016) · Plants of the World Online (POWO), Kew Royal Botanic Gardens · Hunt, D., The New Cactus Lexicon (DH Books, 2006)
